Piratenpartei — Sturm im Wasserglas — ja hoffentlich

“Die Piratenpartei packt durchweg Themen an, die mir am Herzen liegen und alles lässt sich unter dem Oberthema Internet irgendwie zusammenfassen […]” schreibt Nico Lumma.

Diese Auffassung teile ich nicht.

Keines der Themen

  • Informationelle Selbstbestimmung,
  • transparente Verwaltung/transparenter Staat,
  • Open Access für wissenschaftliche Publikationen,
  • Urheberrecht in einer digitalisierten Informationsgesellschaft,
  • Patentrecht und
  • Bildung für alle als wichtigste Ressource für zukünftiges nachhaltiges Wirtschaften

lässt sich unter dem “Oberthema Internet” subsummieren [Unsere Ziele | Piratenpartei Deutschland].

Ganz im Gegenteil. Das Internet und die digitalisierte Informationsverarbeitung wirken sich auf unseren Umgang mit Information aus. Sie schaffen auf der technologischen Ebene veränderte Rahmenbedingungen — aber sie bestimmen und definieren nicht letztendlich den Umgang mit dem Gut Information in unserer Gesellschaft.

Ein bisschen weiter als bis zum Streit um den Torrent-Tracker PirateBay muss man hier glaube ich denken. Insofern ist der aus Schweden übernommene Name der Piratenpartei vielleicht unglücklich gewählt für eine politische Gruppierung, die sich mit den Herausforderungen einer aktuell stattfindenden, durch Digitalisierung und Vernetzung getriebenen Revolution unseres Umgangs mit Information, aus unvoreingenommener Perspektive und hoffentlich immer differenziert auseinandersetzt. Vielleicht fehlt hierzulande auch einfach der Humor, den man bräuchte, um einer Partei dieses Namens irgendeine Ernsthaftigkeit zugestehen zu können.

Wenn die Piratenpartei abgesehen von ihrem Namen ein Vermittlungsproblem hat, dann, dass ihre — oben aufgezählten — Ziele im Wesentlichen Akademiker und Intellektuelle betreffen und beschäftigen. Weil sie eine Partei von Intellektuellen für Intellektuelle ist?

Im Wahl-O-Mat zur Europawahl vor wenigen Monaten wurde keine einzige informationswissenschaftlich relevante Fragestellung auch nur thematisiert. Wie die Innovationen entstehen, die nicht nur unseren Wohlstand sichern, sondern auch und den der — nicht zuletzt vom Klimawandel — benachteiligten Kontinente so mehren, dass sie uns den unseren nicht streitig machen, scheint man Wissenschaftlern und einigen Schöngeistern zu überlassen.

Und ich gebe zu: Die Thematik ist komplexer als gewissensberuhigende, aber weitgehend nutzlose Mülltrennung & Dosenpfand zur weiteren logistischen Verkomplizierung des Umgangs mit Einwegverpackungen, deren Verbrauch kaum zurückgegangen sein dürfte. Sie ist weniger anschaulich, als ob man persönlich damit leben könnte, wenn gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe zwischen Frau und Mann gleichgestellt würden.

Es deutet sich an, dass naiver Aktionismus hier den Herausforderungen noch offensichtlicher nicht gerecht wird — auch wenn sich der so sehr viel besser und einleuchtender verkaufen lässt. Wer will sich schon über so einfache Dinge wie die Ökobilanz seines Handys Gedanken machen, das er spätestens alle zwei Jahre ersetzt oder über die Auswirkungen seines (z. B.!) täglichen Fleischkonsums auf Klima und Wasserverbrauch?

Wenn also keine der etablierten Parteien die wichtigen und richtigen Themen überhaupt ansprechen? Das stimmt so nicht. Es gibt richtige Ansätze. In mehr und weniger erträglichen Kombinationen. Ich würde auch nie so weit gehen, zu behaupten, dass eine Mehrheit der Piratenpartei im Bundestag zu irgendeiner regierungsfähigen Konstellation führen könnte.

Aber 5 % demokratische gewählte Informationskompetenz im Parlament dieser Republik, da wäre meine Stimme lang so gut aufgehoben wie bei von der Leyen, Schäuble & Consorten.

One Response to “Piratenpartei — Sturm im Wasserglas — ja hoffentlich”

  1. hhmmmm » Piratenpartei Says:

    […] Piratenpartei — Sturm im Wasserglas — ja hoffentlich Kommentare: noch keine […]

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